Heraus aus der Nische – Raumfahrt aus Fertigungsperspektive

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Der Zugang zum All verändert sich grundlegend und wird zunehmend für neue Akteure zugänglich. Was lange ein staatlich dominiertes Forschungsfeld war, entwickelt sich zunehmend zu einem kommerziellen Industriezweig mit großem wirtschaftlichem Potenzial.

Grafik einer Rakete im Orbit
© ai_artist/stock.adobe.com (Generiert mit KI)

Anwendungen wie das Navigationssystem im Auto, das Satellitenfernsehen im Wohnzimmer oder der tägliche Blick auf die Wetter-App sind längst Teil unseres Alltags,  ohne dass ihr Ursprung in der Raumfahrt bewuss wahrgenommen wird. Raumfahrt geht heute weit über Kommunikation und Erdbeobachtung hinaus und gewinnt zunehmend an Bedeutung für industrielle Anwendungen.

Materialproduktion unter Weltraumbedingungen

Wie weit dieser Schritt bereits reicht, zeigt zum Beispiel die Herstellung hochreiner Halbleiterkristalle im Weltraum. Dabei kommt ein etwa mikrowellengroßer Plasmaofen im Erdorbit zum Einsatz. Unter Schwerelosigkeit entfallen die Einflüsse der Erdgravitation, welche die Kristallbildung beeinflussen und zu strukturellen Unregelmäßigkeiten führen. Gleichzeitig minimiert die nahezu vakuumartige Umgebung im All Verunreinigungen im Material erheblich. Dadurch entstehen nahezu perfekte Kristallstrukturen, die in dieser Form auf der Erde nicht realisierbar sind.

Dies eröffnet insbesondere für die Herstellung leistungsfähiger Halbleiter neue Möglichkeiten.

Rechenleistung im Orbit

Auch die direkte Datenverarbeitung im All wird bereits erprobt. Geplant ist der Einsatz orbitaler Rechenzentren, um große Datenmengen aus Erdbeobachtung und Sattelitensystemen bereits im Orbit zu verarbeiten. Rohdaten werden dabei nicht vollständig zur Erde übertragen, sondern direkt im Satelliten analysiert, gefiltert und verdichtet. Anwendungen wie Künstliche Intelligenz, Cloud Computing und Datenanalyse kommen direkt vor Ort zum Einsatz. Im Fokus steht das sogenannte Edge Computing: Daten werden dort verarbeitet, wo sie entstehen: im Orbit. So gelangen nur relevante Informationen zur Erde, während Datenvolumen, Übertragungskosten und Latenzen sinken.

Zur Einordnung technologischer Entwicklungen erfolgt die Gliederung entlang der Wertschöpfungskette in Upstream, Midstream und Downstream. Sie macht bestehende Anwendungen sichtbar und eröffnet den Blick auf industrielle Potenziale, die heute teilweise noch außerhalb klassischer Raumfahrkontexte liegen.

Upstream: Raumfahrtproduktion auf der Erde

Upstream bezeichnet den Teil der Raumfahrtwirtschaft, der sich mit der Herstellung, Entwicklung und Produktion von Raumfahrttechnik beschäftigt, wie zum Beispiel Satelliten, Bauteile, Trägersysteme und Produktionssysteme.

Durch die zunehmende Kommerzialisierung entwickelt sich dieser Bereich von einzelnen spezialisierten Projekten hin zu einer skalierbaren industriellen Produktionslandschaft. Insbesondere die steigende Nachfrage nach Satelliten und Startkapazitäten eröffnet neue Marktchancen für produzierende Unternehmen, die ihre bestehenden industriellen Fähigkeiten in die Raumfahrt übertragen können.

Möglich wird das durch standardisierte Prozesse, modular aufgebaute Systeme und zunehmend offene Lieferketten, die den Einstieg in den Raumfahrtsektor erleichtern. Dadurch entstehen neue Geschäftsmodelle, Partnerschaften und Zugangsmöglichkeiten für klassische Industrieunternehmen, die sich in einem wachsenden, stark skalierenden Zukunftsmarkt positionieren können und frühzeitig neue Geschäftsfelder erschließen.

Midstream: Produktion im Orbit

Midstream beinhaltet die Herstellung von Materialien im All, die nach ihrer Produktion wieder zur weiteren industriellen Nutzung auf die Erde zurückgeführt werden. Die Bedingungen der Schwerelosigkeit ermöglichen dabei die Produktion von Materialien mit besonders hoher Reinheit und geringer Fehlerdichte, die als hochwertige Ausgangsstoffe in industrielle Fertigungsprozesse einfließen. Für eine wirtschaftliche Nutzung sind skalierbare Produktionssysteme im Orbit, zuverlässige Rücktransportmöglichkeiten sowie die Anbindung an bestehende industrielle Wertschöpfungsketten entscheidend, um die Vorteile der Weltraumproduktion in konkrete industrielle Anwendungen zu überführen und neue Leistungs- und Differenzierungspotenziale zu erschließen. Ein Ansatz mit disruptivem Potenzial für Hightech-Märkte.   

Downstream: Nutzung von Satellitendaten

Downstream umfasst die Nutzung von satellitenbasierten Daten-, Kommunikations- und Positionsdiensten, die industrielle Prozesse auf der Erde unterstützen. Dazu gehören etwa vernetzte Logistik- und Produktionssysteme, in denen präzise Positions- und Kommunikationsdaten aus dem All eine nahtlose Steuerung und Koordination von Abläufen ermöglichen.

Für die industrielle Anwendung sind skalierbare Satellitenkonnektivität, zuverlässige Positions- und Datendienste sowie eine nahtlose Integration in bestehende Systeme entscheidend. So werden raumgestützte Daten und Signale in operative Mehrwerte für Unternehmen überführt und ermöglichen robustere und transparentere, vernetzte Prozesse in der Industrie. Eine entscheidende Grundlage für effizientere und datengetriebene Wertschöpfung. 

Raumfahrt als industrielle Entwicklungsplattform

Die Einordnung entlang der drei Ebenen zeigt, dass Raumfahrt heute kein isolierter Technologiesektor mehr ist, sondern sich zunehmend zu einer industriellen Entwicklungsplattform erweitert. Entlang der gesamten Wertschöpfungskette entstehen dabei Synergien zwischen Raumfahrt und Fertigungsindustrie, die neue technologische und wirtschaftliche Möglichkeiten eröffnen. Vor allem an der Schnittstelle dieser Bereiche entstehen neue Anknüpfungspunkte für Unternehmen außerhalb der klassischen Raumfahrtindustrie. 

Unternehmen erhalten Zugang zu einzigartigen Produktionsumgebungen sowie Materialien mit besonderen Eigenschaften und können datengetriebene und vernetzte Fertigungsprozesse gezielt weiterentwickeln. Gleichzeitig schafft die Raumfahrt neue Formen robuster Konnektivität für industrielle Anwendungen und entwickelt sich zu einem wachsenden Markt mit klaren Skalierungsperspektiven, der Unternehmen konkrete Wege eröffnet, sich in fortgeschrittene Produktions- und Industrialisierungsprozesse einzubringen.

Damit wird deutlich: Raumfahrttechnologien bleiben nicht auf Nischenanwendungen beschränkt, sondern entwickeln sich zunehmend zu einem relevanten Teil des Lösungsraumes produzierender Unternehmen.