Interview mit Dr. Ramon Kreutzer

Blogbeitrag / 21.3.2019

Welche Technologietrends werden uns in 2019 stark beschäftigen?

Der Trend mit dem größten Impact ist meines Erachtens die zunehmende Elektrifizierung des Antriebsstranges von PKW. Getrieben ist diese Entwicklung durch Megatrends wie die Urbanisierung, die Energiewende, Rohstoffknappheit und Nachhaltigkeit. Vielen Unternehmensvertretern ist auch heute noch nicht bewusst, wie weitreichend die Folgen für den Industriestandort Deutschland sein werden. Denn eins ist klar: Große Teile des produzierenden Gewerbes hängen direkt oder indirekt mit der Automobilbranche zusammen - und sind daher zum Handeln gezwungen. Die Frage, ob E-Mobilität kommen wird, ist längst beantwortet. Spannend ist nun, ob und wie der Standort Deutschland seine internationale Spitzenposition halten wird.

Wie wird sich der Bereich Technologiemanagement in den nächsten Jahren verändern?

In einer digitalisierten Welt endet die Wertschöpfung nicht bei der Fertigung. Smarte Produkte und cyber-physische Systeme ermöglichen es, dass für Nutzer und Endkunden während der Nutzungsphase immer wieder neue Werte geschaffen werden. Daher muss das Technologiemanagement seinen Betrachtungsbereich auf den gesamten Lebenszyklus von Produkten & Systemen erweitern. Aus meiner Sicht ist es unabdingbar, den Kunden und dessen Interaktion mit Produkten und Systemen zu berücksichtigen, um Prozesse in ihrer Gesamtheit, also End-to-End zu betrachten.

Bei der digitalen Transformation produzierender Unternehmen muss das Technologiemanagement die neuen Anforderungen der digitalen Welt mit entsprechenden Methoden und Tools adressieren, um weiterhin ein Kernprozess zur technologischen Befähigung zu sein. Ich sehe hier eine teilautomatisierte, indikatorbasierte Früherkennung – wie beispielsweise das Tracking von Investitionsströmen – ergänzt um Aktivitäten in Netzwerken und Hotspots, um radikale, digitale Innovationen rechtzeitig erkennen und entsprechend bewerten zu können.

Eine der größten Herausforderungen für Unternehmen ist der Konflikt zwischen dem Kerngeschäft und einem zügigen Innovationsprozess. Wie finden Unternehmen die Balance?

Es ist tatsächlich ein Balanceakt. Ich glaube nicht, dass es einen »optimalen« Systemzustand gibt. Da sich das Geschäft der Unternehmen in einem von Unsicherheit und Komplexität geprägten Umfeld stetig verändert, ist es wichtig, Projekte und Aktivitäten sowohl im Kernbereich der Unternehmen als auch außerhalb der Kernaktivitäten anzustoßen und sich nicht mit dem Status quo zufrieden zu geben. Ein Verharren in selbigem bedeutet im Kontext von Innovation immer Rückschritt. Dies kann sich im globalen Wettbewerb heute kein Unternehmen mehr leisten - die Konkurrenz aus Asien oder den USA ist einfach zu stark. Eine mögliche Lösung sind Inkubatoren - also der Aufbau einer separaten Entwicklungseinheit, die fernab vom Tagesgeschäft und in einem geschützten externen Rahmen radikale Themen vorantreiben kann. Bestenfalls sind diese Inkubatoren in der Lage, nach Bedarf Innovationsökosysteme, wie zum Beispiel den RWTH Aachen Campus, optimal einzubinden.

Stichwort Innovationsökosystem: Der Standort Aachen entwickelt sich zum Engineering Valley.
Was bietet Aachen den Unternehmen?

Das Besondere ist das Zusammenspiel von Wissenschaft und Wirtschaft. Den Grundstein für das Aachener Ökosystem bildet dabei die RWTH Aachen University als eine der weltweit führenden Technischen Hochschulen. Die anwendungsnahe Forschung renommierter Forschungseinrichtungen bietet Unternehmen und Industriekonsortien einen Nährboden für die Realisierung von Innovationen. Es ist spannend zu beobachten wie stark der Campus in den letzten Jahren gewachsen ist: Es siedeln sich immer mehr Industrieunternehmen an, um von den umfangreichen Ressourcen und Kompetenzen der interdisziplinären Wissenschaftlerteams zu profitieren. Dabei ist hier alles vertreten: Vom Hidden Champion über hochspezialisierte Start-ups bis hin zum Großkonzern sind auf dem RWTH Campus sämtliche Unternehmen aktiv. Im Kern ist für mich aber eines ganz besonders in Aachen: das Mindset und die Talente der Menschen. Jeder hat Lust etwas zu verändern, etwas aufzubauen und mitzugestalten. Das ist meiner Ansicht nach in der Form wirklich einzigartig!

Und zum Schluss interessiert uns noch: Welches Musikalbum hat Sie am meisten geprägt?

Marc Cohn mit seinem gleichnamigen Album, da es mich schon in sämtlichen Lebens- und Stimmungslagen begleitet hat. Cohn passt einfach immer!